Der Sinn meines Lebens

Wie oft habe ich schon an den Sinn des Lebens gedacht? Oft. Doch ich habe mir nie Gedanken über den Sinn meines Lebens gemacht.

Hier sitze ich nun an einer Brücke, die Beine zum Wasser hin baumelnd. Es rauscht unter mir. Das Wasser nimmt seinen Weg talabwärts. Es gibt so ein... beruhigendes Gefühl.
Ich denke über mein Leben nach. Schon allein der Gedanke an meine Geburt macht mich traurig. Ich war nicht wirklich von meinen Eltern gewollt, die Geburt war kompliziert und ich kam nur per Kaiserschnitt auf die Welt. Meine Mutter hatte später starke Schmerzen. Grausam.
Als kleines Kind war ich immer fröhlich, aufgeweckt, noch nicht aufgeklärt über die Höhen und Tiefen des Lebens. Frei von allen dunklen Gedanken, die nun in meiner Seele sind.
Eine leichte Sommerbrise weht durch meine Haare, lässt sie fliegen und die Blätter in den Bäumen rascheln. Langsam rollt eine kleine, weiche Träne über meine Wange.
Entschlossen streiche ich sie davon. Ich will jetzt nicht weinen. Es gibt auch keinen Grund dafür.
Mir gefällt es hier an der Brücke. Es tut gut, so alleine zu sein. So still ist es, nur ein paar Vögel zwitschern, kein anderer kann mich hier stören.
Ich seufze, eine große Last fällt von mir ab.
Wie mein jetziges Leben ist?
Wie soll ich es beschreiben, wenn ich mich jeden Tag unwohl fühle? Von anderen nicht so akzeptiert, wie ich bin. Ich soll mich ändern, dann würde ich in ihre Vorstellungen passen. Mein Ziel war es immer, anders zu sein. Es ist immer noch mein Ziel. Es wird nie so sein, dass man mich irgendwie einordnen kann. Nie!
Ich genieße die Luft, die vom Wald herüberweht. Ein Gemisch von Moos und Morgentau weht mir in die Nase.
Wie fühlt man sich, wenn man sich jeden Tag unterdrückt fühlt?
Ich denke manchmal, dass ich jemand bin, der dafür geschaffen ist, für andere gerade zu stehen. Diejenige, die immer für andere büßen muss. Immer die, die bei allen Dinge zuhören und Mitleid haben muss. Ein richtiger Sündenbock.
Irgendwann kann ich diese Last doch auch nicht mehr tragen! Dann werde ich unter den ganzen Sorgen noch zusammenbrechen. Versteht denn keiner, dass eine Seele unter einer solchen Last in tausend Scherben zerspringen kann?
Woher bilden sich denn all die schwarzen Gedanken? Durch die schon abgesprungenen Teile der Seele. Dort entstehen sie, haben mich unter Kontrolle, fesseln mich und lassen mich nicht mehr los. Dadurch trübt sich mein Denken, das sonst immer so klar war.
Die Liebe, die ich kenne, ist keine Liebe. Ich bin immer auf der Suche nach Geborgenheit. Nach jemandem, bei dem ich weinen und lachen kann. Dem ich alle meine Sorgen anvertrauen kann.
Auf der Suche nach diesem jemand bin ich oft hingefallen. Sehr oft. Die Suche hat mich an Kraft verzehrt. Es hat mir Schürfwunden zugefügt, doch diese werden nie heilen.
Es hat nichts gebracht, alle Bemühungen haben sich in Luft aufgelöst. Warum immer ich? Immer ich, die bestraft wird.
Ein kleiner Schmetterling fliegt vor mir herum und lässt sich auch auf dem Brücke nieder.
Wie ein Schmetterling müsste ich sein, frei und unabhängig. Ich könnte immer davonfliegen, und keiner würde mich daran hindern. Man würde mich in Ruhe lassen, weil ich klein bin und meine Flügel zerbrechlich und wertvoll sind. Weit mit den Flügeln schlagen und davonfliegen.
Kleiner Schmetterling in mir, lass mich frei und leben, so wie ich bin und so es mir bestimmt ist. Schlüpfe aus deinem Kokon und singe mein Lebenslied, das im Laufe meines Lebens von Dur zu Moll geworden ist.
Es würde sich nicht lohnen, die Narben auf meinem Herzen zu zählen. Nie würde man fertig werden, denn mein Herz ist mit Narben übersät, die eine verzweigt sich in die andere. Wie ein alter Baum.
Die Tränen kullern heiß über meine Wangen. Ich setze mich auf, stelle mich auf das Brückengeländer und sehe das kristallblaue Wasser.
Ich werde springen.
Und das ist nicht mutig, sondern feige. Ich habe Angst davor, mein Leben weiterzuleben. Mutig ist, sich dem Leben zu stellen. An alle, die mutig sind: Lebt weiter für mich! Lebt weiter, denn ihr werdet es schaffen.
Ich drücke mich mit den Füßen von dem Geländer ab und springe.
Hart komme ich auf und das Wasser erfüllt mich, frisch und kühl.
Dann fühle ich nichts mehr, mir wird schwarz vor Augen. Ich würde nie wissen, ob das die richtige Entscheidung gewesen war.
Der Sinn meines Lebens war es zu sterben.


Nicht hier - nicht jetzt

Ich hatte dich mit ihr gesehen.
Mit ihr, meiner besten Freundin. Mit ihr!
Du schautest ihr zärtlich in die Augen, so zärtlich. So sanft hieltest du sie im Arm, wie sonst nur mich. Und dann hattest du mich entdeckt, meintest, mir alles erklären zu können. Und sie, meine beste, allerbeste Freundin stand nur herum, anstatt mir etwas zu sagen oder auch nur irgendetwas zu tun.
Mit einem letzten, hasserfüllten Blick schaute ich dich an und rannte davon. Kopflos irgendwohin. Und du riefst mir auch noch hinterher, ich solle stehenbleiben. Oh nein. Niemals würde ich stehenbleiben und mir deine Erklärung anhören, die sowieso nicht ehrlich war.
Rennen tat mir unglaublich gut, es befreite mich von allen Gedanken. Beim Rennen war ich regelrecht gedankenlos, was doch auch beängstigend war.
Ich verstand dein Verhalten nicht. Warum ausgerechnet mit ihr? Warum musstest du mich ausgerechnet mit meiner besten Freundin betrügen?
Und warum hatte sie sich auch noch darauf eingelassen, obwohl sie doch wusste, wie unglaublich ich dich liebte.
Und das schon seit dem ersten Tag. Der Tag, als mein Bruder dich mir als „Ben, meinen Kumpel“ vorstellte. Schon vom allerersten Tag war ich von dir verzaubert. Deinem Auftreten, den ernsten grünen Augen und den dunklen Wuschelhaaren. Und jetzt tatest du mir das an? Womit hatte ich das verdient? Hatte ich je etwas getan, was dich verletzen könnte? Hatte ich dich je enttäuscht? Oder vergessen? Ich war doch immer für dich da.
So viele Zweifel stiegen in mir auf, die ich vorher nie gehabt hatte. Das elende „Warum?“ ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich war so beschäftigt mit dem Gedanken, dass ich gar nicht merkte, wie ich in den verpöntesten Teil der Stadt lief.
„Hey, wie wär’s mit uns Zweien?“, fragte schon der erste Obdachlose, der völlig verwahrlost auf dem Boden lag. Sein Hund schaute mich nur treudoof an.
Verwirrt, durcheinander und auch angewidert wollte ich nur noch weg von hier. Und rannte immer weiter und weiter. Nach einer gewissen Zeit hatte ich keine Kraft mehr, war so erschöpft und fertig, dass ich mich an einen Laternenpfahl anlehnte. Und obwohl ich sie die ganze Zeit zurückgehalten hatte, fingen jetzt die Tränen an zu kullern. Ich war so enttäuscht und wütend auf dich. Du hattest doch meine Seele berührt, mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Du hattest meine Hand gehalten, und meine Träume geteilt. Ich war regelrecht abhängig von dir gewesen. Aber jetzt?
Jedem anderen hätte ich zugetraut, dass er mich betrügt, nur nicht dir.
Ein junger Mann kam vorbei. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er besorgt. „Natürlich!“, schnauzte ich ihn an. „Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe und verschwinden Sie!“
Der Mann wusste darauf nichts zu erwidern und ging davon, hinterließ aber auf dem nächstgelegenen Stromkasten ein Taschentuch und verschwand um die Straßenecke.
Ich war sauer auf dich, meine beste Freundin und die ganze Welt, doch trotzdem nahm ich das Taschentuch und dankte Gott, dass es noch Menschen mit Herz gab. Ich hatte dir vertraut.
Früher.
Jetzt nicht mehr und würde es auch nie mehr tun. Merktest du denn nicht, wie verdammt weh mir das getan hatte? In wie viele Teile mein Herz gesplittert war? Was nur dieser sekundenlanger Moment angerichtet hatte? Ich fühlte mich leer, so leer wie noch nie. Doch gleichzeitig fühlte sich mein Herz auch an, als ob jemand einen Dolch hineingebohrt hätte. Und obwohl es noch heller Tag war, kam mir alles wie im Nebel vor. Grau und schwer. Ich fühlte mich wie mit einer riesenschweren Last auf den Schultern. Ich kam mir auf einmal krank vor, so krank, als ob ich eine Grippe hätte. Früher hatte ich mich so wohl bei dir gefühlt, und am liebsten hatte ich dein Lachen. Es war so einzigartig, unbeschreiblich. Und ich dachte, dass du der beste Teil meines ganzen Lebens warst.
Niemals.
Du hattest mich zerstört.
Ich war so sauer auf dich, ich wünschte dir sogar den Tod an den Hals. Das ganze hatte mich so verdammt getroffen.
Ich kam zu einer Kreuzung, hörte ein Martinshorn, sah Blaulicht und eine riesige Menge von Menschen, die sich um etwas versammelt hatte. Langsam ging ich näher, fragte eine der Passantinnen, was passiert sei.
„Ein junger Mann ist gegen ein Auto geprallt. Hatte einen blauen Roller. Armer Kerl.“
Blauer Roller? Du hattest einen blauen Roller. Doch das warst bestimmt nicht du.
Keinesfalls.
Trotzdem drängte ich mich durch die Menge, damit ich sehen konnte, wen es getroffen hatte. Schließlich kannte ich viele aus der Stadt.
Nein!
Das durfte nicht sein!
Du lagst auf der Straße, blutüberströmt, schwer lang Luft ringend. Ich kniete mich neben dich.
„Ben? Bitte, was hast du getan?“
„Ich wollte dir nach...“
Deine Stimme wurde leiser, dein Atem wurde weniger.
„Warum hast du das getan? Wieso?“
Leise flüstertest du: „Es war nicht so, wie du denkst...“
Bevor ich dazu ansetzen konnte, wie es denn sonst war, nahm mich jemand an der Schulter. Als ich mich ruckartig herumdrehte, sah ich, dass es ein Notarzt war.
„Miss, bitte lassen Sie mich zu dem Verletzen.“
Ich wurde von seiner Assistentin ausgefragt. „Sind Sie mit ihm verwandt?“ „Also... ich bin mit ihm...“, meine Stimme stockte. „Wir kennen uns gut.“
Ben, das durfte nicht sein. Musste das so enden? Ich wollte zwar noch nicht daran denken, dass du sterben könntest, aber...
Sie hatten dich auf eine Trage gelegt und luden dich in den Krankenwagen.
Ben, ich hatte dich lachen und weinen gesehen, ich kannte deine Ängste. Aber bitte, lass es auch nicht so enden. Ich kann doch nicht ohne dich leben...
„Ben! Denk immer an mich, an uns, was wir einmal waren! Du darfst jetzt nicht gehen! Du kannst jetzt nicht gehen! Die eine Erklärung bist du mir noch schuldig!“
Ich atmete tief ein.
„Geh nicht jetzt. Und nicht hier. Ich hab dich doch lieb, Ben!“, schrie ich noch.
Dann brach ich weinend auf der Straße zusammen.
Gratis bloggen bei
myblog.de